Es war eine Zeit, in der Frauen atmeten, als müssten sie sich entschuldigen. Die Mode des frühen 20. Jahrhunderts war ein eiserner Käfig, ein kunstvoll geschnürtes Gefängnis aus Stäben, Schnüren und Stoffen. Korsetts beherrschten die Silhouetten, formten Körper nach Idealen, die von Modehäusern und Moral diktiert wurden. Schönheit war damals eine Frage der Disziplin, der Enge, des Verzichts. Doch in einer Werkhalle in Stuttgart-Bad Cannstatt begann etwas zu rumoren – eine kleine, unscheinbare Revolution, genäht mit Nadel, Garn und Mut.

Um 1912 entwickelte die Cannstatter Korsettfabrik S. Lindauer & Co. ein Kleidungsstück, das die Welt verändern sollte. Kein Motor, kein Stahl, kein technisches Wunderwerk – und doch eine Erfindung, die Millionen von Leben beeinflussen würde: den ersten industriell gefertigten, trägerlosen Büstenhalter. Was hier entstand, war mehr als nur ein Stück Stoff. Es war ein Symbol der Befreiung.


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Man kann sich vorstellen, wie es in der Werkstatt damals klang. Das gleichmäßige Surren der Nähmaschinen, das Rascheln von Seide, das gedämpfte Gespräch der Näherinnen. Zwischen Rollen von feinem Stoff, Bändern und Knöpfen lag die Idee, die aus der Not geboren war: Frauen sollten sich frei bewegen können, sollten atmen dürfen, sich wohlfühlen – ohne die starren Korsetts, die ihren Körper einsperrten. Der trägerlose Büstenhalter war ein Akt der Emanzipation, lange bevor das Wort überhaupt in Mode kam.

Der Name S. Lindauer & Co. war in Fachkreisen bekannt. Die Fabrik stellte Korsetts von höchster Qualität her, fein verarbeitet und beliebt in ganz Deutschland. Doch die Gründer hatten einen Sinn für Wandel. Sie erkannten, dass sich die Welt veränderte – dass Frauen begannen, selbstbewusster zu leben, sich zu bewegen, zu arbeiten, zu träumen. Der Erste Weltkrieg stand vor der Tür, die Gesellschaft wankte, Rollenbilder begannen zu bröckeln. Und in dieser Umbruchszeit wagte die Cannstatter Firma einen kühnen Schritt: Sie löste das Korsett auf.

Der neue Entwurf war revolutionär. Statt starrer Stäbe und fester Schnürungen bestand der trägerlose Büstenhalter aus weichen Materialien, die sich dem Körper anpassten. Er stützte, ohne zu zwingen. Er formte, ohne zu unterdrücken. Zum ersten Mal in der Geschichte der Mode stand Komfort gleichberechtigt neben Ästhetik. Und obwohl die Erfindung unscheinbar wirkte, war ihre Wirkung gewaltig.

Man darf nicht vergessen: Mode war zu jener Zeit mehr als nur Kleidung – sie war Ausdruck gesellschaftlicher Ordnung. Ein Korsett formte nicht nur den Körper, sondern symbolisierte auch Kontrolle und Gehorsam. Es sagte: „So sollst du sein.“ Der Büstenhalter hingegen sagte: „Sei, wie du bist.“ Dass dieser Gedanke ausgerechnet in Stuttgart-Bad Cannstatt geboren wurde, ist kein Zufall. Die Stadt war schon damals ein Ort des Fortschritts, des Erfindungsgeistes. Hier wurde das Automobil geboren, hier sprudelte Europas größtes Mineralwasservorkommen, hier entstand Neues aus Mut.

In der Korsettfabrik von S. Lindauer & Co. war diese Haltung spürbar. Die Mitarbeiterinnen – zumeist Frauen – wussten, was sie taten. Sie nähten nicht nur Kleidung, sie nähten Zukunft. Jede Naht war ein Stück Selbstbestimmung, jede Stoffbahn ein kleiner Schritt in die Freiheit. Der trägerlose Büstenhalter wurde 1912 patentiert – und mit ihm begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Mode.

Die Ironie der Geschichte ist, dass diese Revolution so leise begann. Kein Aufschrei, keine großen Schlagzeilen – nur eine Fabrik, ein Entwurf, eine Idee. Und doch war es ein Umbruch, der nachhaltiger wirkte als viele politische Reden jener Zeit. Denn der Büstenhalter wurde bald zum Sinnbild der modernen Frau. In den 1920er-Jahren, als die Mode leichter, kürzer und beweglicher wurde, fand er seinen Siegeszug. Frauen tanzten Charleston, fuhren Auto, arbeiteten – und sie trugen kein Korsett mehr. Unter den neuen Kleidern lag die Freiheit, die in Cannstatt ihren Anfang genommen hatte.

Warum dieser Ort einzigartig ist, lässt sich nicht allein durch das Patent erklären. Es ist die Atmosphäre, die ihn besonders macht. Stuttgart war immer eine Stadt der Tüftler, der Denker, derjenigen, die das Gewöhnliche hinterfragten. Doch hier, in der Welt der feinen Stoffe, verband sich Technik mit Gefühl. Die Erfindung des Büstenhalters war nicht nur ein Produkt von Nadel und Garn – sie war das Ergebnis von Empathie. Von der Fähigkeit, die Bedürfnisse der Frauen zu verstehen, bevor diese sie selbst laut aussprachen.

Betrachtet man die Bedeutung dieser Erfindung heute, wird ihr Ausmaß erst richtig klar. Der Büstenhalter ist längst mehr als ein Kleidungsstück. Er ist Teil der Kulturgeschichte, Symbol für Wandel, Ausdruck von Identität. Und doch bleibt sein Ursprung erstaunlich bodenständig: eine Werkhalle in Bad Cannstatt, ein paar Stoffbahnen, ein Team kluger Köpfe, die wussten, dass Bequemlichkeit kein Luxus, sondern ein Recht ist.

Was einst als „trägerloser Büstenhalter“ begann, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten weiter – mit Trägern, Körbchen, Spitzen und Formen aller Art. Doch der Grundgedanke blieb derselbe: Freiheit unter dem Kleid. Heute trägt fast jede Frau auf der Welt ein Stück dieser Idee, ohne zu wissen, dass sie ihren Ursprung in Stuttgart hat.

Der Geburtsort des Büstenhalters ist deshalb mehr als eine historische Fußnote. Er ist ein Weltunikat, weil hier nicht nur eine technische Neuerung entstand, sondern ein Kulturwandel. In einer Zeit, in der Frauen gesellschaftlich kaum eine Stimme hatten, schenkte man ihnen hier etwas, das ihnen buchstäblich Luft zum Atmen gab.

Wenn man sich vorstellt, wie es damals war – der Duft von Stoff und Dampf, die Sonne, die durch hohe Werkstattfenster fällt, die Hände der Näherinnen, die konzentriert an den Maschinen arbeiten –, dann spürt man, dass große Revolutionen manchmal ganz leise beginnen. Kein Lärm, kein Donner, nur das sanfte Surren einer Nähmaschine. Und doch verändert dieser Klang die Welt.


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