Es gibt Bauwerke, die man durchquert, ohne zu ahnen, welche Geschichte sie tragen. Man fährt hindurch, die Lichter blitzen über die Motorhaube, der Klang der Reifen hallt von den Wänden wider – und doch ahnt man nicht, dass man gerade Teil eines Stücks Weltgeschichte ist. So geht es vielen, die durch den Schwabtunnel in Stuttgart fahren. Ein kurzer Moment, 125 Meter durch den Hasenberg, ein alltäglicher Weg. Und doch war genau dieser Tunnel einst das Symbol für eine neue Zeit. Der Schwabtunnel war der erste Autotunnel der Welt – ein Pionierbau, der den Weg in das Zeitalter der Mobilität ebnete.
Die Geschichte beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Stuttgart wuchs, die Stadt drängte über ihre alten Grenzen hinaus. Zwischen dem Talkessel und dem Westen der Stadt lag der Hasenberg – ein Hindernis aus Gestein, das den Verkehr aufhielt. Pferdekutschen mussten weite Umwege nehmen, und der neue Stadtteil Stuttgart-West war nur mühsam erreichbar. Doch in einer Zeit, in der Technik und Fortschritt den Alltag zu verändern begannen, suchte man nach Lösungen, die größer dachten. Ein Tunnel sollte her – ein kühnes Vorhaben, das in seiner Zeit als beinahe utopisch galt.
Im Jahr 1896 begann der Bau. Ingenieure und Arbeiter gruben sich mit Spitzhacke, Schaufel und Dynamit durch den Hasenberg, Schicht für Schicht. Die Arbeiten waren gefährlich, die Bedingungen hart. Doch der Glaube an die Zukunft, an den Fortschritt, war stärker als jeder Fels. Die Bauweise war für die damalige Zeit revolutionär: Der Schwabtunnel erhielt zwei Fahrspuren – eine für Pferdekutschen und später auch für Automobile – sowie eine separate Straßenbahnlinie, die in die gleiche Röhre integriert wurde. Man hatte nicht nur für die Gegenwart gebaut, sondern für eine Zukunft, die man erahnte, aber noch nicht kannte.
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Als der Tunnel 1896 fertiggestellt wurde, war er eine technische Sensation. Noch nie zuvor hatte jemand eine solche Konstruktion gewagt. Der Schwabtunnel war nicht nur der erste Stadttunnel Deutschlands, sondern der erste, der für den motorisierten Verkehr geeignet war – und damit der erste Autotunnel der Welt. Als im Jahr 1900 das erste Automobil die Röhre durchquerte, war das nicht einfach eine Fahrt durch Stein und Dunkelheit. Es war der symbolische Durchbruch in eine neue Ära.
Stuttgart, die Stadt der Erfinder und Ingenieure, hatte damit erneut bewiesen, dass Fortschritt hier zuhause war. Nur wenige Kilometer entfernt arbeiteten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach an den ersten Motoren, aus denen bald die modernen Automobile hervorgehen sollten. Der Schwabtunnel war wie das architektonische Echo dieser Bewegung – er verband das Alte mit dem Neuen, die Pferdekutsche mit dem Motorwagen, das 19. Jahrhundert mit dem 20.
Wer heute durch den Schwabtunnel fährt, ahnt von dieser Bedeutung oft nichts. Und doch trägt jeder Meter seiner gewölbten Backsteinröhre die Spuren jener Pionierzeit. Die Wände sind mit Ziegeln ausgekleidet, die Lichter werfen ein warmes, fast historisches Schimmern auf den Asphalt. Man kann sich vorstellen, wie es damals war: das erste Auto, das vorsichtig in die Röhre rollt, das dumpfe Knattern des Motors, das sich mit dem Hufschlag einer Kutsche mischt, das Staunen der Passanten, die sich vor dieser „selbstfahrenden Kutsche“ kaum retten konnten.
Der Schwabtunnel war von Anfang an mehr als nur eine Verbindung zwischen zwei Stadtteilen. Er war ein Symbol für den Mut, Grenzen zu überwinden – geographische ebenso wie geistige. Wo früher der Hasenberg trennte, schuf der Tunnel Verbindung. Wo die Welt noch an Pferde glaubte, bereitete er den Weg für Motoren. Und wo viele sagten, so etwas sei unmöglich, bewies Stuttgart, dass das Unmögliche nur eine Frage der Entschlossenheit ist.
In den Jahrzehnten danach wurde der Tunnel mehrfach modernisiert, doch seine historische Substanz blieb erhalten. Die charakteristischen Rundbögen, die elegant geschwungene Einfahrt, das Zusammenspiel von Stein und Stahl – all das macht ihn bis heute zu einem architektonischen Kleinod. Es ist kein pompöses Bauwerk, keine Kathedrale des Verkehrs. Und doch liegt in seiner Schlichtheit eine Würde, die nur Pionierleistungen besitzen.
Warum der Schwabtunnel ein Weltunikat ist, zeigt sich, wenn man ihn im Kontext seiner Zeit betrachtet. 1896 war das Automobil noch eine technische Kuriosität, ein Spielzeug für Reiche und Ingenieure. Niemand hätte geglaubt, dass man wenige Jahre später Straßen für Autos bauen müsste – geschweige denn Tunnel. Und doch tat Stuttgart genau das. Der Schwabtunnel war ein Vorgriff auf eine Zukunft, die erst beginnen musste. Ein Bauwerk, das seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war.
Er ist damit mehr als nur der älteste Autotunnel der Welt – er ist das Sinnbild eines Denkens, das den Fortschritt nicht fürchtet, sondern ihm Raum schafft. Vielleicht ist das seine eigentliche Größe: Dass er nicht nur Verkehr ermöglicht, sondern eine Haltung verkörpert. Eine Haltung, die sagt: „Wir finden einen Weg – auch durch den Berg, wenn es sein muss.“
Heute fahren täglich Tausende Autos durch den Schwabtunnel. Er ist längst Teil des städtischen Alltags, eingebettet in die Routinen des Berufsverkehrs, der Pendler, der Nachtschwärmer. Doch wer sich einen Moment Zeit nimmt, vielleicht anhält, bevor er hineinfährt, und den Blick über die geschwungene Einfahrt und das rote Mauerwerk schweifen lässt, der spürt: Hier begann etwas.
In dieser 125 Meter langen Röhre steckt die Essenz Stuttgarts – der Mut zur Innovation, die Liebe zur Technik und die Kraft, Neues zu wagen. Der Schwabtunnel ist ein Denkmal des Fortschritts, das man nicht auf einem Sockel findet, sondern mitten im Leben, Tag für Tag, befahren, belebt, genutzt.
Und vielleicht ist das das Schönste an ihm: Er ist kein Relikt, kein Museum, kein stilles Denkmal. Er lebt. Jeder, der hindurchfährt, wird – ob er es weiß oder nicht – Teil dieser Geschichte. Ein Erbe aus der Zeit, in der das Automobil noch Zukunft war und Stuttgart begann, sich selbst als Stadt der Bewegung zu begreifen.
Wenn also das Licht am Ende des Tunnels auftaucht und man wieder ins Freie fährt, sollte man kurz zurückblicken. Denn dort, im Schatten des Hasenbergs, liegt nicht nur ein Stück Backstein und Asphalt – dort liegt der Anfang der automobilen Welt.


